Eine Ausführliche stichpunktmässige (tabellarische)
Biographie Hans Nowak
finden Sie als letztes Kapitel im
neuen Buch über den Künstler
Infos zum Buch beim Kettler-Verlag
(Herausgeber: Chr. Seefeldt)
geplante Texte:
Kein Guter Soldat
Eine moderne Familie "Patchwork..."
Frankreich
Ateliers
Malerhöfe
Filmerei
Lötschental
Zoo und Falknerei
"Auto-Biographie"
Tiere und Menschen
Nowaks "unvernünftige" Entscheidungen -
als Leitlinien seiner Biografie
(bearbeitet zuletzt 26.3.2026)
(von H.Gehlig)
Hans Nowak fällte oft recht unvermittelt Entscheidungen, die lebensprägend waren – selbst ohne realistische Chance einer Realisierung, oder ohne dass ein nachvollziehbarer Grund dafür bestand. Solche „unvernünftigen Entscheidungen“ haben aber durchaus oftmals (insbesondere im Kriegsverlauf) sein Überleben ermöglicht.
Bei Kriegsende formulierte er es gegenüber Mutter und Ehefrau so: „Hätte ich nicht alles getan, wie ich gemacht habe, stünde ich nicht heute hier" (Autobiographie S.105)
Er wollte ja mindestens seit seiner Zeit als Jugendlicher in Halle/Saale unbedingt malender Künstler werden! Aber zu unsicher erschien den Eltern und Tanten die Erwartung, damit einen Lebensunterhalt bestreiten zu können - also versuchte man, den Lebensweg des jungen Hans anderweitig auszurichten.
Aber Hans Nowak zeigte bald, daß er Fremdbestimmungen durch selbstbestimmte Zielrichtungs-Auswahl zu torpedieren verstand:
- Erste Lehre abgebrochen („Thiem und Töwe“ in Halle, wo sich Bruder Harry bereits „bis zur Drehbank“ erfolgreich hochgearbeitet hatte - Firmen-Logo siehe „biografischer Schaukasten“ im Eingangsbereich der Ausstellung im Stadtmuseum Halle): er schildert, einer Ohrfeige des Lehrmeisters (wegen Info der Berufsschule über dortigem Fernbleiben - Autobiographie S.5) ausgewichen zu sein, was das Lehrverhältnis zu beenden induzierte.
- Dann Versuch einer gärtnernden Ausbildung beim geschilderten Onkel in Bielefeld – auch dort sei er bald ausgerissen...
- Danach selbständig sein Leben gestaltend: in seiner selbst gemieteten Dachkammer die Künstler-Laufbahn einschlagend – allerdings seit 4/1937 mit inzwischen im selben Haus wohnenden Eltern (möglicherweise zogen diese ihm nach?) – und insofern m.E. mit einem gewissen sozialen „Auffang-Seil“… Dies insbesondere nach Kündigung seiner Dachkammer, welche vor Mitte 9/1937 gewesen sein muss und insofern bei Noch-Anwesenheit der Eltern im Haus...
Präambel: Die Bewertung der Quellen
Eine autorisierte Schilderung biografischer Begebenheiten liegt nur in Hans Nowaks Autobiographie vor. Anderweitige schriftliche Mitteilungen (Dieckhoff/Glandt 1992, Schilderungen auf den homepages von Elke Nowak und Herrn Weich oder im Kontext von Museumsausstellungen in Peine und Halle, sowie bei Wikipedia) führen fast immer auf die Quelle „Dieckhoff/Glandt" zurück, die eine sehr einfühlsame Umriß-Schilderung der Biografie Nowaks enthält, sich aber auf mündliche Äußerungen Hans Nowaks bezieht, die nicht speziell nachrecherchiert wurden. Bei Elke Nowak mischt sich dies mit sehr wertvollen persönlichen Erinnerungen.
Dieses Buch wurde zwar von Nowak „überarbeitet", bevor es (primär ein Geschenk zum 70. Geburtstag...) kurz danach verlegt wurde - es ist aber unklar, ob dies auch Text-Details betraf - sehr wahrscheinlich aber die Auswahl der wiedergegebenen Kunstwerke.
Da die Autobiographie Nowaks aber nicht zeitlich konsequent strukturiert ist, sondern die Begebenheiten aus der Erinnerung fast collagemäßig nebeneinander-erzählt, ist es die Aufgabe des Biographen, daraus erkennbare Datierungs-Anhaltspunkte nachzurecherchieren. Dies gelingt nur für einen Teil der geschilderten Ereignisse - vereinzelt ergeben sich dabei sogar quasi-Unmöglichkeiten für die geschilderten Abläufe. Zumindest hatte Hans Nowak nach dem Erscheinen des „Dieckhoff/Glandt"-Buches fast 3 Jahre Zeit, für die schriftliche Darstellung seines Lebensweges die Erinnerungen zu sortieren... Das hatte zumindest einen strukturierenden Einfluß darauf, der legendenhafte Ausschmückungen verringert haben dürfte - es sind davon aber weiterhin einige konsequent enthalten...
Im Folgenden habe ich daher Datierungs-Nachweise einzubinden versucht, wo es möglich ist, ohne den Duktus der Erzählung dadurch zu stören.
Hier möchte ich aber insbesondere auf die immer wieder mal spontan „unerwartbaren" oder aus rückblickender Sicht „unvernünftigen" Weichenstellungen der Lebensentscheidungen Hans Nowaks eingehen.
Zu einigen Ereignissen lassen sich durch nachvollziehendes Denken Zusammenhänge als „wahrscheinlich" oder sogar „sehr wahrscheinlich" einstufen (z.B. Bielefelder Eigenständigkeit), zumal wenn Eckdaten dazu dokumentiert sind (realer Name des Künstler-Nachbarn, dessen Wegzug ins Sauerland..., Lazarett-Aufenthalte, Meldedaten Bielefeld und Braunschweig, Mödesse-Kauf- und Verkaufs-Daten, ...).
Herr Seefeldt hat dafür mit vielerlei Recherchen ein reichhaltiges Fundament gesammelt, das ich mit der Zeit für etliche Begebenheiten ergänzen konnte. Dies dann detaillierter im Rahmen einer geplanten ausführlichen Biographie - oder vieleicht auch mal separat...
„Schwieriger Beginn":
Schon als kindlich Heranwachsender hatte Hans die Pappen, auf denen Schnittmuster des Vaters aufgeklebt waren, nach deren Abreißen als Mal-Untergrund genutzt (Autobiographie S.8) - Dieckhoff/Glandt meint, die Schnittmuster seien von Hans Nowak selbst zum "Ausmalen" genutzt worden - in der Autobiographie klingt es dagegen so, als wäre es dem Kind lediglich darum gegangen, eine geeignete Unterlage für seine frühen eigenen Zeichnungen "herzustellen", indem Hans diese Schnittmuster von der Unterlage abriß...
Das Interesse an zeichnerischen Verschönerungen seiner Umgebung führte zur ersten „halböffentlichen" Darstellung seiner Intentionen, als er die Tapete seiner Tante Frieda (wohl bei einem Besuch in Swinemünde) in Form einer allerersten „frei-künstlerisch" unbeaufsichtigten Tat verschönerte (Autobiographie S.17 - das Malbuch, in das er malen sollte, sei schon bald vollgekritzelt gewesen...) , eine weitere Tante („Lu") nahm ihn bei diesem Besuch in Schutz und bezahlte ihrer Schwester einen Obulus für die aus Erwachsenen-Sicht „ramponierte" Tapete.
Zeichnen war dem Heranwachsenden offensichtlich frühzeitig - und auch noch in der Schulzeit - wichtiger als der Schulbesuch (Autobiographie S.20). Das „Bild-schaffen" als Ausdrucksform hatte Hans Nowak früh für sich entdeckt, ohne daß man über „Vernünftigkeit" schon sinnieren könnte. Die Welt enthielt insbesondere „viele Motive".
Mit dem Wunsch nach der Laufbahn eines malenden Künstlers stellte Hans Nowak sich allerdings gegen den Rat der gesamten Familie incl. Onkel und Tanten – was als „noch-Schüler“ bzw. bei „gescheiterter erster Lehre“ durchaus als eine „unvernünftig“ erscheinende Willens-Zielrichtung eingestuft werden könnte.
Selbst das zeitweise „Übernachten unter Brücken" (Autobiographie S.20) - also quasi Obdachlosigkeits-Erfahrungen, induziert durch die Wett-Sucht des Vaters - nahm er als eine Möglichkeit zum Aufnehmen von künstlerisch verarbeitbaren Bild-Eindrücken seiner Umgebung („Motiven") an, was ihn dadurch aber gar nicht dem tieferen Sinn eines kalkulierbaren Erwerbsberufes näherbrachte.
Prof. Lindner - Kurator der Hallenser Nowak-Ausstellung im Stadtmuseum - bezeichnet dies (und bewundert es...) als „ ...unumstösslicher Wille zum Künstlersein...", der das Hans-Nowak'sche Leben prägte.
Darin hat Hans Nowak immer wieder solche spontanen und oft auch real „unvernünftig“ erscheinende Entscheidungen als Taktgeber (Leitlinien) seines selbstbestimmten Lebensweges gelebt - und dabei durchaus auch mal seine älteste Tochter einbezogen.
Als „Stier-Geborener“ waren ihm solche Entscheidungen nicht ungewöhnlich – durch nichts von einem einmal gefällten Entschluß abzubringen... Er hat diese aber immer mit eigenen Mitteln angestrebt, selbst wenn sie Nachteile mit sich brachten - und immer die Konsequenzen getragen.
- Daß die Tochter dadurch später aber mal selbst Konsequenzen zu tragen hätte, war dem Vater für die Intention kein Problem. Sich mit Kunst auseinanderzusetzen, hatte einen höheren Stellenwert als der Schulbesuch.
Und im Krieg hat Hans Nowak oft sogar gerade aufgrund solcher Entscheidungen überlebt.
Frühkindliche Erfahrungen:
Von seiner „so herrlich jähzornig"en Großmutter (Autobiographie S.15) berichtet er über vergleichbare Eindrücke/Begebenheiten:
- Als Obstverkäuferin auf dem Markt in Halle/Saale (seit Verwitwung kurz vor der Jahrhundertwende gab sie den Beruf als Sängerin auf - Hans Nowaks Mutter war ihr letztes Kind) war diese sicherlich Einiges an mäkeligen Kunden gewöhnt - als aber eine derer zu lange an jedem ihrer bereitstehenden Äpfel herumdrückte, um deren Festigkeit zu prüfen, dachte sie gar nicht mehr an eine Bekräftigung ihrer bereits mehrfach erfolgten Qualitäts-Beteuerungen, sondern stieß den Apfel-Korb einfach um und rief die Kinder aus der Umgebung herbei - diese auffordernd, sich die herumkullernden Äpfel aufzusammeln, soviel sie konnten... Derweil war die Dame überfordert, in dem Apfel-Gewimmel die Contenance zu bewahren.
- Und ein anderes Mal: den am Kuchenblech naschen wollenden Hans, dem eine Besucherin vorhielt daß das Objekt der Begierde noch nicht freigegeben sei, forderte sie auf, ihr das Kuchenblech an ihr Krankenbett zu bringen: ritsch-ratsch schnitt sie den gesamten Kuchen auf und ließ Hanselchen die Kinder herbeirufen - um davon zu naschen, soviel sie wollten. Die Besucherin sei aufgrund der mit dem Messer fuchtelnden Großmutter inzwischen geflüchtet...
Diese Großmutter beschreibt Hans Nowak als eine ihn bis zu ihrem Tod sehr stark prägende Frau - die teils drastische Sponataneität der dann allerdings - in andere Richtung - sehr freundlichen Folge-Handlungen dieser grund-gütigen Großmutter wird dem Kind gezeigt haben, daß drastische Willenstaten durchaus mit einer gütigen lebensbejahenden Wesens-Eigenschaft in Übereinstimmung gebracht werden können.
Nach dem Tod der zum Lebensunterhalt der Familie beitragenden Großmutter am 3.11.1928 (Hans Nowak war da gerade 6,5 Jahre alt) und dem Einkommensverlust der Mutter aufgrund des „Doppelverdiener-Gesetzes" und evtl. bereits seiner gewerkschaftlichen Vorstufen Anfang der 30er-Jahre wurden die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie jedoch immer schwieriger... (Autobiographie S.19)
BIELEFELD und die Folgen:
Im Laufe des Jahres 1936 muss dies dann so prekär geworden sein, dass die Eltern Nowak nach vielen Umzügen innerhalb Halle mit den beiden Kindern Ende 1936 nach Bielefeld weggezogen sind, Hans Nowak war da 14 Jahre alt. Möglicherweise (oder sogar wahrscheinlich?) war Hans aber bereits schon etwas vorher vom „gärtnernden Onkel Hans" zwecks erneutem Versuch einer Ausbildung nach Bielefeld geholt worden.
In Bielefeld soll es nämlich familiäre Bezüge gegeben haben, auf die die Eltern für die handwerkliche Ausbildung des Sohnes gehofft haben dürften. Der in der Autobiographie und in Erzählungen genannte Onkel HANS (vermutlich Edner?) mit gurken-einlegender Tante Uette habe ihn mitgenommen, „um aus mir einen Gärtner zu machen" (Autobiographie S.5) - dieser gärtnernde Onkel ist allerdings nicht nachvollziehbar aus Bielefelder Akten (Meldekartei, Adressbücher).
Hans Nowak beschrieb sich als weglaufend aus der seinen Vorstellungen so gar nicht entsprechenden Aufnahme-/Wohn-Situation bei diesem Onkel, die ihm die Entfaltung seiner eigenen Lebensvorstellungen beschränkte. Der später betrachtende Vernunft-Aspekt spiegelt sich in der Bemerkung „nun schon am zweiten Arbeitsplatz gescheitert" (Autobiographie S. 6).
Nur: wie bekommt man die eigene Willens-Vorstellung in die Realität?
Da Hans Nowak praktisch ohne eigenen Besitz war (seinen Mantel, Hut und eine Taschenuhr abgesehen) konnte er sich nur eine äußerst billige Unterkunft leisten – er fand ein Angebot einer Dachkammer ohne Strom oder Wasser für nur 10 Mark im Monat im Aushang der Bielefelder Nachrichten, aber nur unter der Bedingung täglichen Ausfahrens des kriegsversehrten Haus-Eigentümers in seinem Rollstuhl. Unter den finanziell minimalen Möglichkeiten des Heranwachsenden zumindest eine nur „relativ unvernünftige Entscheidung". Die „Neben-Abrede" zeigte aber ein „ansatzweise vernünftiges" wirtschaftliches Verständnis... , das Geld für die Miete zu verdienen, konnte er ja dann noch (nachträglich) organisieren.
Neben einem „Hungerleider-Künstler“ Franz GERWING (amtlich dokumentierter Name, von der Legende abweichend...), der in einer benachbarten Dachkammer im selben Haus lebte und arbeitete, hat Hans Nowak die zweite Dachkammer gemietet (diese Dachkammer nach hinten heraus gelegen, den Blick auf spielende Kinder eröffnend - die des Nachbarn habe ein Fenster zur Straße gehabt - Autobiographie S.7).
Bei dieser ersten Begegnung machte sich der junge Hans Nowak „älter". 16 Jahre sei er alt, behauptet die Autobiographie - real war er jedoch noch keine 15 Jahre... Der Kollege konnte nur „dunkel gehaltene Bilder von Straßen bei Nacht" präsentieren („zum Malen käme er kaum", gemalte Postkarten waren eher verkäuflich: Autobiographie S.10-11 - solches wäre allerdings für den von Nowak legendenhaft genannten Franz GERWIN völlig untypisch, oder vielleicht sogar undenkbar...)
Mantel und Hut tauschte Hans Nowak gegen Mal-Utensilien bei seinem Kollegen ein, schon davor genoß er den aus der Nachbar-Dachkammer hervorströmenden Geruch nach Farben und Terpentin. Er hatte einfach gedacht/empfunden/gewollt: das müsse gehen - und irgendwie ging es dann auch.
Aber für sein Lebens-Ziel des 'Künstler-Seins' ein wichtiger Schritt!
Die Schilderung des Künstlers aus der Nachbar-Dachkammer entspricht biographisch und physiognomisch ziemlich exakt dem „Franz Gerwing", nicht aber dem 11 Jahre älteren „Gerwin".
Der Nachbar hatte durchaus gemerkt, dass Hans Nowak malerisch etwas konnte und sorgte insofern für Werkkunstschul-Unterricht. Diese künstlerische Grundlagen-Ausbildung kann aber nur höchstens ein halbes bis dreiviertel Jahr gewesen sein (maximal ein gutes Jahr...), da mangels Mietzahlung die Dachkammern beider Künstler nach kurzer Gnadenfrist im Spätsommer 1937 gekündigt wurden. Franz Gerwing knatterte dann mit selbst zusammengeschustertem Motorrad ins Sauerland ab (abmeldemäßig 13.9.1937 in Bielefeld dokumentiert), Hans Nowak selbst überwinterte laut Autobiographie in einer mietzahlungsfreien Kellerraum-Notunterkunft - mindestens seit dem Wegzug der Eltern nach Braunschweig. Das erscheint im herannahenden Winter nicht gerade „vernünftig".
Der „zum Künstler Strebende“ Hans Nowak war nun in Bielefeld auf sich allein gestellt - er hatte lt. Autobiographie ja auch einen für die damaligen Verhältnisse durchaus lukrativen Nebenjob als „Balljunge“ bei einem Tennis-Lehrer, was ihm ein wenig Nebeneinnahmen bescherte. Zum Malen kam er dadurch aber kaum - also fiel irgendwann die Entscheidung, diese Verdienstmöglichkeit zu beenden.
Den einmal begonnenen Weg zum Kunstmaler konnte der willensbetonte Hans Nowak aber wirklich nicht aufgeben!
Ort und die Personen seiner weiteren künstlerischen Ausbildung bestimmte er selbst, indem er an den bereits etablierten Künstler Sepp Hilz schrieb (Autobiographie S.26) und aufgrund dessen (als Zusage interpretierten) Antwort per Fahrrad von Bielefeld zur Tegernsee-Region fuhr. Paul Mathias Padua hatte Hans Nowak als Lehrer dort auch aufgesucht. (Die in diesem Zusammenhang auch öfter genannten Professoren Wegscheiter und Kirsch lassen sich in der Literatur dagegen nicht verifizieren...)
Aufgrund der Entfernung und der Wahl des Verkehrsmittels zumindest auch eine „ein wenig unvernünftige" Tat...
Der von Hans Nowak in der Autobiographie geschilderte Brief der Mutter an sein Dachkammer-Domizil („komm nach Hause..." als ihre direkte Reaktion auf Hans Nowaks Bericht über seinen Entschluß und die gerade gemietete Dachkammer, Autobiographie S.14) - und gleichzeitig Postanweisung als finanzielle Starthilfe seiner Tante Lu - könnte darauf hindeuten, daß er die Dachkammer sogar schon vor dem 15.12.1936, also gerade mal 14,5-jährig, gemietet hätte, was den Entschluß deutlicher „unvernünftig" erscheinen ließe... Es heißt dieses „nach Hause" m.E. doch eher „nach Halle" - oder sollte damit ernsthaft die nur etwa 2km entfernte Bielefelder „Herforder Straße 88" (bzw. etwa 2,5 km von der ersten kurzzeitigen Eltern-Adresse „Am Lehmstich 14") gemeint gewesen sein?? Da hätte man eigentlich gar keinen Brief gebraucht... Die diesem Brief beigelegte vom Gärtner-Onkel an die Eltern gesandte Taschenuhr wäre persönlich auch sicherer abgeliefert worden.
Und der aufgegebene gärtnerische Ausbildungsversuch sollte auch vor Einbruch des Winter-Schneefalles gewesen sein, den die KI meint, auf den 10.12.1936 datieren zu können.
Das induziert die Frage, ob die Eltern Nowak nicht nur aus wirtschaftlichen Zwängen Halle gen Bielefeld verließen, sondern vielleicht auch in der Nähe des „dem Untergang geweihten" Sohnes sein wollten? Der gärtnernde Onkel könnte ein zusätzliches unterstützendes Argument gewesen sein. Daß der beruflich in Halle gut situiert lernende Bruder Harry mit nach Bielefeld zog, spricht aber eher für wirtschaftliche Not als Grund für diesen Umzug.
Jugendliche Unbekümmertheit dürfte die „Unvernünftigkeit dieser Entscheidung zur frühzeitigen Selbständigkeit" Hans Nowaks gefördert haben. Sie war aber nicht trotzig, da zukunftsorientiert...
KRIEGSZEIT:
Als Soldat musste man sich den Entscheidungen der Vorgesetzten unbedingt unterwerfen. Das scheint dem jungen Hans Nowak aber z.T. schwierig gewesen zu sein - sonst hätte er sich nicht in den ersten Tagen der Grundausbildung in Magdeburg mehrfach in Zivilkleidung zum Appell begeben. Seine Ausrede führte zu einer „gesonderten Einkleidungs-Aktivität" unter der direkten Veranlassung durch seinen Vorgesetzen. In diesem Fall folgte keine Bestrafung, wie sie aber dann bei Bekanntschafts-Anbahnungs-Aktivitäten außerhalb des Kasernengeländes durchaus mal die Folge war...
Auch an seiner ersten regulären Dienststelle (Flak-Großbatterie in Hamburg-Finkenwerder) landete Hans Nowak mehrmals im Karzer, weil er sich zu lange außerhalb der Kaserne aufgehalten hatte oder statt zur Sanitätsabteilung zu gehen, einen Film über Rembrandt (??) angesehen habe - nach seiner Schilderung gleich zweimal nacheinander, ohne das Kino zu verlassen...
Was waren schon einige Tage bei Wasser und Brot im Verlies gegen einen Abend/eine Nacht mit weiblicher Gesellschaft oder künstlerischer Bildung - da war Hans Nowak mit seiner „unvernünftigen" Entscheidung und deren Folgen d'accord.
LEGENDEN?
In Hans Nowaks Autobiographie findet man solche nachvollziehbaren Begebenheiten neben legendenhaft ausgeschmückten und ggfs. sogar durch Verfälschungen von Namen schwer recherchierbaren Schilderungen – die öfters durchaus aufgrund nachprüfbarer Elemente anders als diese Schilderungen gewesen sein müssen. In einigen sehr prekären Situationen erscheinen sie aber fast fotografisch realistisch.
Aber selbst der berichtete Rembrandt-Film-Besuch in Hamburg ist insofern mit einem deutlichen Fragezeichen zu versehen, da die dortige Stationierung ab Frühjahr oder Frühsommer 1941 gewesen sein muss (Diensteintritt bei der Wehrmacht 10.2.1941), der geschilderte Film „Ewiger Rembrandt" mit Ewald Balser lt. Wikipedia jedoch erst 1942 (ur-)aufgeführt worden sei (ggfs sogar erst am 19. Dezember 1942 - in 1941/42 wurde der erst produziert). War Hans Nowak auch oder noch in 1942 dort in HH-Finkenwerder stationiert? Bei der berichteten Reise-Aktivität recht unwahrscheinlich, daß diese erst im spät im Laufe des Jahres 1942 begonnen hätte... - oder bei einem Besuch in Hamburg diesen Film gesehen? Ende 1942 kann schon gar nicht stimmen, weil zu diesem Zeitpunkt bereits Verhaftung und Kriegsgerichtsprozess in Warschau stattgefunden haben müssen.
Hat Hans Nowak diesen Film später an einem anderen Ort gesehen? Das erscheint unwahrscheinlich, da allenfalls die wenigen Tage des Hafturlaubes vor der Nachkriegszeit dafür in Frage gekommen wären.
(In der Autobiographie siehe Seite 30 incl. Schilderung der Bestrafungs-Folgen...)
In Herrn Seefeldts Buch haben wir versucht, einige dieser Diskrepanzen korrekt darzustellen. (Dazu aber mehr in einem separaten Kapitel über derartige „Legenden".) Zumindest der Bezug zu dem "Prof. Franz Gerwin" ist dadurch als Legende enttarnt, auch die Frage des Haftortes Glatz ist dokumentiert. Den habe seine zweite Frau mit einem Begleiter sogar mal besucht und dort noch Jemanden getroffen, der Erinnerungen an diese Zeit hatte (und sogar mal in Voigholz zu Besuch kam / mündlich mitgeteilt...)
KRIEGSZEIT 2:
Hans Nowak hat es immer geschafft, den Oberen zu vermitteln, dass es gut/positiv/sinnvoll wäre, „ihn malen zu lassen“ - und dies selbst in der Warschauer und Glatzer Haftzeit… So berichtet Dieckhoff 1992, daß er bereits in seiner (üblicherweise 1/2 Jahr dauernden) ReichsArbeitsDienst-Abkommandierung um 1939 „Nazi-Größen portraitiert“ habe.
Und danach war Hans Nowak „kein guter Soldat“ – er hat die damit verbundenen Fahrten-Aufträge quasi benutzt, um durch halb Ost-Europa zu reisen, seine Einheit war offensichtlich nicht auffindbar. Dabei sammelte er viele Eindrücke für seine spätere künstlerische Tätigkeit – in der Kriegszeit wahrgenommene Stimmungen und Schicksale haben oft eine Widerspiegelung in malerischen Themen der reifen Zeit.
Diese Reisen hatten aber doch so viel Zeit eingenommen (rückblickend müssen es mindestens fast eines oder evtl. sogar fast zwei Jahre gewesen sein...), dass es den Oberen irgendwann seltsam vorkam. Er hatte jedoch immer Aufträge und Stempel für seine Fahrten organisisert – es gab aber auch durchaus Kontakte zur dort einheimischen Bevölkerung (zu einer Familie in Smolensk – wo er sogar übernachtete und mehrmals zu Besuch kam - ein fast schon als „freundschaftlich“ zu bezeichnender Kontakt). „Fußlappen gegen Speck“ usw. wurden getauscht, damit er etwas zusätzlich zu essen hatte…
Hans Nowak hat auch Unvernünftiges einfach so gemacht – es ergab sich...
Irgendwann habe er sogar seine Wehrmachtspistole einem darum bittenden Warschauer Ghetto-Bewohner überlassen - das dürfte im Herbst oder Frühwinter 1942 gewesen sein. Seine Menschlichkeit siegte über den soldatischen Gehorsam - trotzdem aus seiner Position heraus eine „sehr riskant unvernünftige" und auf jeden Fall spontan entschiedene und entscheidende Tat...
Wenig später wurde Hans Nowak verhaftet - ob das „Pistolen-Ereignis" nun ein auslösender Grund war oder ob es einfach nur auffiel, dass er zuviel unterwegs war und deswegen nicht als Soldat zur Verfügung stand?
Von dem Pistolen-Empfänger habe er auch Geld in die Tasche gesteckt bekommen. Das wollte Hans Nowak (laut Autobiographie Seite 55) eigentlich nicht annehmen – er hatte es aber noch bei sich, als er verhaftet wurde - und dieses konnte dann hergegeben werden, um Mal-Utensilien in dieser ersten Haft-Zeit zu erhalten... (Autobiographie Seite 56-57)
- Wenn man ihm hätte nachweisen können, dass er mit Ghetto-Bewohnern gemeinsame Sache gemacht hatte, wäre das ein durchaus erwartbarer Grund für die Verhängung einer Todesstrafe gewesen... (Eine solche sei Ende 1942 schon recht häufig verhängt worden - wenn auch zum Kriegsende dies noch prekärer wurde...)
Der Ankläger WOLLTE ihn auch „an den Pfahl“ bringen, ließ ihn sogar schon ab Beginn des Prozesses in eine von zwei Todeszellen einquartieren, was zeigt, dass er als Kriegsgerichtsrat davon ausging, die Todesstrafe erwarten zu können.
Das war hochgradige psychologische Folter!
Die Frage einer „Fahnenflucht“:
Aus irgendeinem Grund (gottseidank) habe der Richter jedoch gemeint, sich ein eigenes Bild von den Begebenheiten machen zu wollen. Dieses Bild war dann so, dass Hans Nowak immer Uniform getragen hatte und sich immer am Zielort gemeldet habe und sich Stempel für weitergehende Reiseaufträge geben ließ. Dies waren durchaus Elemente, die bei einer Fahnenflucht nicht zu erwarten wären, da „Fahnenflucht“ ein Abgang ohne eine Möglichkeit zur Rückkehr ist.
Es gibt allerdings nur die Nowak’sche Autobiographie als Beleg für diese Vorgänge. Alles, was darüber bis zu Nowaks Tod geschrieben und veröffentlicht wurde, bezieht sich zumeist auf Dieckhoff/Glandt 1992 und stammt nach Angabe von Dieckhoff aus nicht weiter überprüften mündlichen Schilderungen Hans Nowaks. In denen dürften sich durchaus die seelischen Narben in Form von dem rückblickenden Empfinden entsprechenden legendenhaften/schlagwortartigen Umdeutungen dargestellt haben. Auch ich habe dunkle Erinnerungen an derartige Schilderungen Hans Nowaks.
Als er aber seine Erinnerungen für schriftliche Niederlegung ordnete und abwägend formulierte, erscheinen die Schilderungen des Kriegsgerichtsprozesses wie ein „in die Seele eingebranntes Siegel" und erstaunlich klar detailliert - ohne auch nur einmal eine VERURTEILUNG zum TODE oder einen Urteils-Grund FAHNENFLUCHT zu nennen.
Aber den Antrag des Kriegsgerichtsrates darauf schildert Hans Nowak, in dem ihm „Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung" vorgeworfen worden sei... (Autobiographie Seite 60-61).
Irgendwie hat der Begriff „Fahnenflucht“ es aber in die Presse-Erklärung des StadtMuseum Halle geschafft, das ist m.E. aber für die Situation vor Festungshaft-Beginn falsch! Die recht detaillierte Schilderung der Prozeß-Ereignisse in Nowaks Autobiographie deutet explizit auf ein Verurteilung lediglich wegen „Unerlaubter Entfernung von der Truppe".
„Fahnenflucht“ hatte Hans Nowak real erst nach der Genesung von der im Bewährungs-Bataillon erlittenen Verletzung - in der zweiten Märzhälfte 1945 - spontan entschieden und dann konsequent ausgeführt. Aufgrund der dadurch erzeugten Lebensgefahr eine durchaus „sehr riskante" oder „zwiespältige" Entscheidung - für Hans Nowak aber spontan-logisch: er wollte sich keinesfalls weiter „verheizen" lassen!
Einer Verhaftung aus diesem Grunde konnte Hans Nowak sich aber in diesen letzten Kriegswochen/-Monaten glücklicherweise entziehen…
Hätte er aber dies in diesem Zusammenhang nicht spontan entschieden, wäre er noch in dem wenig später „im Westen" hinter Hannover - lt. Bericht eines dies überlebenden Kameraden, Autobiographie S.100 - bombardierten Zug gewesen...
Eine ENTSCHEIDUNG: Bewährungsbataillon zum Beenden der Haft
In der Glatzer Haftzeit konnte sich Hans Nowak auch bald die Möglichkeit zum künstlerisch Tätigsein eröffnen - sein Wissen über Farben imponierten den Offizieren, so daß sich einer derer auf seinem Pferd malen ließ - ein anderer wollte ein größeres Gemälde einer "Najade an der Quelle". Um so arbeiten zu können, wurde Hans Nowak in eine Gemeinschafts-Zelle mit anderen Künstlern verlegt - dort lernte er Methoden der plastizierenden/skulpturalen Kunst.
Beziehungen über den Küchenbereich hätten sowohl Materialien organisieren können als auch Bilder herausschmuggeln - mit denen sogar eine „Ausstellung in der Stadt" zustande gekommen sei. Dort sei "alles bereits verkauft" gewesen - diese Formulierung kommt fast identisch im Zusammenhang seiner geschilderten ersten Pariser Ausstellungsbeteiligungen vor! Ob dies wirklich exakt der Realität entsprach, läßt sich nicht klären - der von seinen Einkünften abhängige Künstler mit seiner Familie strebte dies aber immer an (insofern könnte es auch ein noch nicht ganz erreichtes - aber erhofftes - Ziel gewesen sein...).
Aber die Geschütz-Einschläge kamen der Festung Glatz näher, so dass die Frage entstand, was passieren könne, wenn die Russen kommen. Die Zellen-Kumpane meinten: Die tun uns nichts - wir hätten denen ja auch nichts getan...
Hans Nowak dachte anders - und er meldete sich schliesslich zu einem 7/1944 angebotenen / aufgestellten Bewährungsbataillon. Wie sollte er abschätzen können, was die SS „bei anrückendem Feind" mit den Inhaftierten vor einer Aufgabe des Wehrmachtsgefängnisses machen würden? Es könnte durchaus fatal gewesen sein - seine Künstler-Zellenkumpane habe er nie wieder gesehen, also hatte es diese vermutlich dahingerafft…
„Unvernünftig" oder nicht? Haben Vernunft-Aspekt und Willens-Betonung im Künstler-Häftling sehr gekämpft?
Schnell noch geheiratet..., die Braut musste allerdings zum Soldaten kommen – der dafür erhoffte Heimaturlaub wurde nicht genehmigt. Diese Kriegsheirat ist für Posen (dem Aufstellungsort des Bewährungsbataillons) am 11.8.1944 dokumentiert - Hans Nowak berichtet von gerade mal einem Tag (incl. der Nacht) Urlaub dafür...
Die Ablehnung eines Heimat-Urlaubes zwecks Heirat ist aufgrund der gewesenen Verurteilung wegen "unerlaubter Entfernung..." verständlich - umso erstaunlicher erscheint der zuvor gewährte Hafturlaub zum Zweck des Organisierens einer ungewöhnlich großen Leinwand. Es dürfte insofern zu den Offizieren des Wehrmachtsgefängnisses ein durch die dortige Zeit relativ gefestigtes "Vertrauensverhältnis" entstanden sein nicht jedoch gegenüber den ihn noch nicht kennenden Verantwortlichen des Bewährungsbataillons...
Das Bewährungsbataillon wurde in Kurland eingesetzt, einer prekär heftig umkämpften Region - Hans Nowak schildert (Autobiographie S.86) die starke Dezimierung der Truppe schon nach wenigen Gegenwehr-Feuern auf nur noch 25 Kameraden. Schlechte Aussichten...! Eine Idee war nötig.
Ganz „riskant unvernünftig":
Hans Nowaks Schilderungen seiner Erinnerungen an die Kämpfe des Bewährungsbataillons zeigen eine Mischung aus soldatisch geprägten und demgegenüber quasi künstlerisch beobachtend erscheinenden Bildern.
Letztlich hätte er dort einen feindlichen Angriff „inszeniert", als aber tatsächlich schon einer lief – dabei seine letzte Munition verballernd und seine 2 Handgranaten zum Explodieren bringend. Hans Nowak erlitt dadurch Verletzungen am re. Unterarm und der re. Hand durch die zweite Handgranate.
Hätte er den Angriff nicht genau so „vorgeführt“, wäre das Überleben Hans Nowaks sehr fraglich gewesen: vor dem Abtransport zum Hauptverbandplatz habe er sehen können, wie feindliche Soldaten sein Unterstand-Loch bereits erreicht und in Brand gesetzt hatten.
Und nur mit einer Knochenverletzung - so habe man ihn informiert - gab es zu der Zeit noch die Chance eines Rücktransportes in die Heimat... Die äußerst riskante Entscheidung hatte wieder mal das Tor zum Überleben geöffnet. In der Autobiographie S. 96 schildert Hans Nowak den 4-tägigen Transport per Schiff von Libau nach Danzig - das einzige Mal, daß eine (in diesem Fall: nicht vermeidbare) Schiffsreise des Hans Nowak dokumentiert ist...
Weil er das „so gut“ gespielt hatte, nahmen ihm die Offiziere seine Version des aktiven feindlichen Angriffes ab:
Das Verwundetenabzeichen in schwarz als Ehrung wurde ihm noch während des Lazarett-Aufenthaltes verliehen (Ausstellungs-Datum 16.1.1945) – dies wäre m.E. auch nicht denkbar bei einer vorherigen Fahnenflucht-Historie. Hans Nowak sah sich deswegen ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als "Gefangener" (Autobiographie S. 97).
Sollten die Vorgesetzten ihm dies nicht geglaubt haben, wäre auch wieder der Vorwurf der "Wehrkraft-Zersetzung" aufgekommen, der zu dieser Zeit meist zu lynch-mäßigem Todesurteil führte!
Als Genesener sollte er jedoch gleich nach dem 19.3.1945 an die Westfront zum Weiter-Kämpfen gebracht werden. Es ergab sich aber in Hannover ein Zugaufenthalt...
Dort entschied Hans Nowak spontan, nicht mehr kämpfen zu wollen (zu „türmen“), denn Braunschweig war dem Zug-Aufenthaltsort Hannover so nah – dort lebte seine Familie... – Also in dieser Situation: reale „Fahnenflucht“/desertiert!
Diese seine spontane „unvernünftige“ Entscheidung könnte wiederum sein Leben gerettet haben – denn kurz hinter Hannover „im Westen" sei der gerade verlassene Zug dann bombardiert worden… (Hans Nowak schildert in seiner Autobiographie S. 100 den Bericht eines dies Überlebenden, den er kurz nach Kriegsende in Braunschweig traf).
Das war aber nicht die einzige „verrückt-unvernünftige“ Idee in diesen letzten Kriegswochen: Hans Nowak entschied recht spontan bald nach seiner Desertion: ich fahre nach Wien, um den Bruder (vermutlich Halbbruder) zu überreden, mit nach Braunschweig zu kommen.
Als desertierter Soldat ohne Papiere oder Auftrag mit der Eisenbahn von Braunschweig nach Wien zu fahren und (weil sein Bruder nicht mitkommen wollte, obwohl er sich über den Besuch sehr gefreut hatte…) gleich wieder zurück... Aufgrund der Umstände wäre dies mehr als „riskant unvernünftig" oder „tollkühn" zu bezeichnen... Das war „volles Vertrauen" auf das End-Kriegs-Chaos.
Den letzten Zug von Magdeburg nach Braunschweig habe er erreicht – aber dieser wurde auch kontrolliert! Der Streife kam Hans Nowaks Situation suspekt vor. Er hatte jedoch (darin war er wohl geübt…) eine Ausrede parat, die die Streife aber nur vorübergehend von ihm weglenken konnte. Sie kämmten bald darauf den Zug nach ihm durch - Da sei er aus dem noch fahrenden Zug gesprungen, um sich der Streife zu entziehen - wurde dabei glücklicherweise so wenig verletzt, dass er zu Fuß bis zum Wohnort/Unterbringungsort der Familie gelangen konnte (es sei beim Braunschweiger Verschiebebahnhof gewesen, wo die Züge vielleicht etwas langsamer fuhren. Dort wäre es auch nahe an der „Südstadtsiedlung Mascherode", wo die Eltern und seine Frau untergebracht/eingewiesen worden waren, vermutlich etwa in 1km Entfernung).
Zur Mutter und seiner Frau durchgeschlagen, dort seine Uniform vernichtet (ein sicheres Zeichen der „Fahnenflucht“!), selbst Ersatz-Kleidungsstücke hergestellt… (vom Vater hatte er ja genug Schneiderei „abgeguckt“) – es muss allerdings skurril ausgesehen haben…
Kriegsende und Nachkriegszeit:
In dieser skurrilen Montur begrüßte er die in Panzern in Braunschweig am 12.4.1945 einrückenden Alliierten mit einer größeren Menge an kurz zuvor im Bahnhof „abgegriffenen" Bonbons als Geschenk. Mutter und Ehefrau fühlten das Risiko und waren bewundernd erleichtert, als die Aktion gut auslief...
Da Hans Nowaks Vater am 31.3.1945 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war, fand sich Hans Nowak bei seiner Rückkehr aus Wien plötzlich in der Rolle des Familienoberhauptes wieder – und verantwortlich für das Überleben der Familie.
In Kriegsgefangenschaft zu kommen, musste also unbedingt verhindert werden! Der per Lautsprecherwagen verbreiteten Aufforderung an alle ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, sich in einem Bunker in der Innenstadt zu melden, kam er nicht nach...
Nowaks stattdessen spontan umgesetzte Idee:
Sein selbstgeschriebener Wehrmacht-Entlassungsschein...
Schreibmaschine geliehen, Papier organisiert, ein paar ausgedachte Paragraphen, aber mit einigen nachprüfbaren Diagnosen (eine davon etwas laienhaft formuliert...), selbst daruntergesetzte Phantasie-Unterschriften – soweit war es eine nur durch die Beschaffung der Materialien begrenzte Aktivität.
Aber er hatte doch keinen Hohheitsstempel zur Verfügung!
Der Künstler war aber um eine Idee nicht verlegen: per Tuschepinsel malte er diesen Hohheitsstempel auf das Papier (die „Urkunde“ abgebildet bei Dieckhoff/Glandt S.28).
Hans Nowak ist durch diesen Streich tatsächlich einer Kriegsgefangenschaft entgangen, „seine Frauen" waren erneut voller Bewunderung!
Mit desem „Dokument" zur Stadtverwaltung zu gehen und auf Akzeptanz zu vertrauen, war wieder eine zumindest „recht riskant-unvernünftige" Aktion. Aber es wurde akzeptiert - im Endkriegs-Chaos war Vieles möglich - Kühnheit siegte!
Mutter und Ehefrau waren bei Hans Nowaks Rückkehr aus Wien allerdings ausgebombt, der Vater dabei ums Leben gekommen. Die zwei Nowak-Frauen alleine in einem Kellerzimmer im Nachbarhaus waren dadurch dann zu dritt - eine etwas geräumigere Bleibe musste her...
Hans Nowak fand diese in der Nähe, musste aber die Ausstattung/Einrichtung improvisieren. Er habe dort ein Schild „Hans Nowak, Maler“ mit gemalter Palettendarstellung hingestellt und gefallene Soldaten nach Fotos oder Besatzungssoldaten porträtiert. Anfangs kamen noch kleinere Auftragsarbeiten oder -Jobs dazu, denn die Familie musste ja irgendwie ernährt werden, bis die Einnahmen aus der Kunst stabiler wurden.
Diese „Geldverdienst-Arbeitsstellen" konnten aber bei Zwistigkeiten mit dem Auftraggeber oder Enttäuschung beim Arbeitnehmer (z.B. über den „Verdienst an sich" als Plakatmaler oder Schaufenstergestalter) auch mal „unvernünftigerweise" ganz spontan beendet worden sein.
Bruder Harry war inzwischen im Juni 1945 ebenfalls in Braunschweig angekommen, nachdem er aus einem Kriegsgefangenen-Transport geflüchtet war.
Erste Ausstellungen der Nachkriegszeit:
Genauso spontan und „unvernünftig" beendete Hans Nowak auch seine erste Bilderausstellung in Wolfenbüttel, als er realisierte, von dem Aussteller betr. seinen Anteil an den Verkaufs-Erlösen „übers Ohr gehauen worden" zu sein. Diese könnte sogar seine zweite (oder dritte?) „Ausstellung an sich" gewesen sein - die Präsentation auf dem Bielefelder Eiswagen schildert der Künstler als eine „erste Ausstellung" - während der Festungshaft in Glatz sei ja durch „herausgeschmuggelte" Bilder auch eine (dann zweite...) Ausstellung in der Stadt zustandegekommen...
Am dritten Tag dieser Wolfenbütteler Ausstellung (glücklicherweise kam Hans Nowak nur zum Hängen der Bilder VOR und dann erst drei Tage NACH der Eröffnung wieder dorthin...) bemerkte er die weit über dem ihm zugesagten Festpreis je Bild ausgezeichneten Bilderpreise - wutentbrannt habe er die Bilder zusammengestampft/zu Kleinholz zertreten und in den Heizungsofen im Keller gepfeffert - das Protestgeschrei des Ausstellers stoisch ignorierend.
Aus „Vernunft-Sicht" ist diese Aktion schwierig zu verstehen - das war insofern eher auch eine seiner „unvernünftigen" Handlungen.
In den 3 Tagen der Wolfenbütteler Ausstellung waren aber bereits Besucher aus Bad Sooden dort und meinten, mit diesem Künstler auch eine Ausstellung machen zu wollen. Dadurch war seine zweite Nachkriegs-Ausstellung in Bad-Sooden-Allendorf (um Ostern 1946 ?) eingeleitet - nur hatte Hans Nowak ja in Wolfenbüttel alle seine verfügbaren Werke vernichtet und musste also für Bad Sooden völlig neu malen.
Und wie bringt man die Bilder dann an den Ausstellungsort über die Grenze zwischen zwei Besatzungszonen? Nun ja, es gab ja Eisenbahnwaggons für „Reisende mit Traglasten", so musste es dann eben gehen.
Dort in Bad Sooden hatte Hans Nowak Propst Stuke aus Braunschweig kennengelernt - der kaufte einen ausgestellten „Christus-Kopf", und von ihm bekam er dann in der Zeit danach noch einige lukrative Aufträge.
Wer weiß, ob ohne die „unvernünftige" Wut-Tat von Wolfenbüttel diese Begegnung zustande gekommen wäre?
Die wechselhaften Einkünfte ließen das Überleben der Familie in der Zeit vor der Währungsreform irgendwie zu. Einige Male wurde Propst Stuke um Vorschuss gebeten. Da war dann auch schon mal etwas für ein Motorrad incl. Führerschein übrig - für die beauftragten Werke standen im Wesentlichen die Famlienmitglieder Modell, das war kostengünstig...
Die letzte Bezahlung durch Propst Stuke erfolgte durch Herauszögerung des Bezahlungstermines durch den Propst kurz nach der Währungsreform: gezahlt in neuer DM statt alter RM - allerdings genau zu dem mal in RM vereinbarten Betrag! Hans Nowak konnte sich dadurch Einiges leisten (Motorrad und Führerschein war ja sogar bereits aus RM-Einkünften bezahlt worden), wenn auch erst einmal die Bank befriedigt werden musste…
VW-Käfer gegen Malunterricht:
Künstlerische Ambitionen hatten nicht nur Künstler an sich, sondern auch Geschäftsleute ganz anderer Couleur... Da wurde als Tauschobjekt „gegen Mal-Unterricht" auch mal ein rostiger VW-Käfer angeboten. Das „rostig" war nicht so schlimm, fühlte sich der Anbieter dadurch doch nur genötigt, den Wagen in einer Werkstatt aufmöbeln zu lassen. Und richtig alt konnte ein Käfer damals auch noch nicht gewesen sein...
In diesem Fall war die Entscheidung „für" den dann giftgrün lackierten (deswegen „Laubfrosch" genannten) Untersatz ganz und gar nicht „unvernünftig" - ermöglichte oder erleichterte sie ja sogar die Kontaktaufnahme zu Galerien in einigem Umkreis.
Daß Hans Nowak dann in einem Braunschweiger Fahrradladen ein „Fuldamobil" stehen sah und von dem Kleinwagen („Dreirad-Porsche") so beeindruckt war, daß er es spontan kaufte (zeittypisch „auf Abstotterung"...), kann man als „unvernünftig" bezeichnen oder nicht - ein Künstler mit Zweitwagen musste damals wie heute aber schon recht regelmäßig etwas verdienen, um dann noch die Familie „durchzubekommen".
Auch so eine spontane und eigentlich etwas „unvernünftige" Aktion:
Seine älteste Tochter nahm Hans Nowak spontan gerne mal mit, wenn er reisen wollte - sie berichtet, bereits wegen erst seit 1/2 Jahr erhaltenem Französisch-Unterricht nach Paris mitgenommen worden zu sein (Schulbesuch war lt. Vater weniger wichtig...), um beim Verhandeln mit Galeristen zu helfen. Auch Fahrten nach Halle oder ein Mitkommen der sich bereits künstlerisch entwickelnden Tochter zu Reisen in Sachen Kunst entschied der Vater durchaus noch in der Schulzeit als „wichtigere Aktivität".
Elke Nowak berichtet, dadurch die Schule nicht bis zum Abitur zuende geführt haben zu können...
Es erscheint wie ein Wunder, dass jemand diesen Willen zur Kunst ohne jegliche Eigenmittel-Reserven aufbringt, sich dafür von der Familie loseist und - obwohl die Zukunft wirtschaftlich völlig unklar/unvorhersehbar war - sein „eigenes Ding" gegen alle Widerstände durchzieht – und dann durch die Qualität seiner Arbeit eine solche stabile wirtschaftliche Grundlage aufbaut…
Denn bereits 15 Jahre später konnte sich Hans Nowak ein Bauernhaus auf dem Lande kaufen und als Atelier „Malerhof Mödesse" herrichten - es war aber trotzdem noch (oder bereits ?) Geld für ein „Achtzylinder-Mercedes-Coupé" über...
Diese aus wirtschaftlichen Gründen ziemlich gewagte Lebensentscheidung (um hier nicht „unvernünftig" zu sagen...) brachte ihm dann aber die Bekanntschaft mit seiner langjährigen Lebensgefährtin und späteren zweiten Ehefrau Ingeborg Upmann.
Es war ein äußerst turbulentes Leben, das oft durch „eigentlich unvernünftige Entscheidungen" gelenkt wurde - Die Beispiele könnte man noch weiterführen.
In Hans Nowaks Bildern haben diese Ereignisse den sozialkritischen Aspekt und -Bezug gefördert. So spiegelt sich sowohl Ernsthaftigkeit als auch Erschöpfung in etlichen seiner Clown-Bilder - die darin zur Schau getragene fröhliche Tolpatschigkeit frißt deren Kräfte auf... Seine Clochard-Darstellungen zeigen die unterste soziale Schicht als durchaus achtenswerte Menschen. Stolz, Eitelkeit und Überheblichkeit kommen in gezielt dafür gemalten Szenen zur Darstellung. Selbst Presse-Berichterstattung und Kirche waren vor seinen verdeutlichenden - zeittypische Aspekte ggfs. überzeichnenden - Darstellungen nicht sicher.
Passend dazu fand Hans Nowak bereits in seinem Braunschweiger Existenz-Start einen deutlichen Hinweis auf die „Kompensationsstrategie der Listigkeit" im die Kriegszerstörungen quasi unbeschadet überstanden habenden Eulenspiegel-Brunnen, der in Braunschweig deswegen als das Symbol der Hoffnung gilt...
Die drei Tode im Leben des Hans Nowak
drei mal "quasi", einmal real (bearbeitet zuletzt 12.8.2025)
(von H.Gehlig)
Präambel: Legenden?
Autobiographische Schilderungen gelten primär als die direkteste Informationsquelle über ein Lebens-Schicksal - sind aber nicht gefeit vor Veränderungen der Erinnerung und ggfs. auch vor Legendenbildungen.
In Hans Nowaks 1995 entstandener Autobiographie „Ein Leben wie ein Tag“ lassen die Angaben zu seiner Bielefelder Zeit den Schluß zu, dass hier legendenhaft die Wirklichkeit angepasst wurde: Meldedaten aus Bielefeld (recherchiert durch Chr. Seefeldt) zeigen, dass fast die gesamte Familie (incl. Onkel Gustav Edner) in Nowaks Jugendzeit seit 12/1936 aus Halle/Saale zugezogen in Bielefeld gelebt hat und erst 5.10.1937 (offiziell incl. Hans Nowak! aber Onkel Gustav Edner erst etwa 10 Monate später) nach Braunschweig verzog. In der Autobiographie (Seite 5) schildert Nowak dagegen, aus der Familie vom Onkel Hans nach Bielefeld „mitgenommen“ worden zu sein, „um aus mir einen Gärtner zu machen“ - bei Dieckhoff 1992 im Bildband 'Vom Maler Hans Nowak ein Bild sich zu machen' heisst es: vom Vater nach Bielefeld „geschickt“ zwecks „Umgang mit schönen Dingen, aber auf solider beruflicher Basis" (Seite 14). Ein Gärtner oder Landschaftsgärtner mit Vornamen „Hans" oder gar mit Nachnamen „Edner" findet sich aber in keinem der Bielefelder Adressbücher!
Herr Otto Moreiko (den Hans Nowak dann „16-jährig“ im Rollstuhl zwecks Verringerung seiner Zimmermiete 2 Stunden am Tag durch Bielefeld schob - siehe Dieckhoff im Bildband Seite 16 und Autobiographie Seiten 7 und 11) ist am Meldeort der Familie ab 4/1937 in Bielefeld ebenfalls wohnhaft belegt - allerdings wurde Hans Nowak im Mai 1937 abweichend von Nowaks Schilderung in der Autobiographie erst 15 Jahre alt.
Am gleichen Ort wie Otto Moreiko wohnte auch ein Kunstmaler Franz Gerwing - dieser war aber 11 Jahre jünger (Jahrgang 1902 - lt. Autobiographie - Seite 9: „Mitte Dreissig“) als der 'in der Legende' genannte (spätere Professor) Franz Gerwin (Jahrgang 1891), der als Nowaks künstlerischer Lehrer oder Förderer in seinen Galeristen-Kurzbiografien und auch von Nowak selbst regelmässig genannt wurde. Gerwin ist jedoch ab 1936 bereits als Leiter des „Haus der Kunst“ in Dortmund belegt (Quelle: Wikipedia - dies wurde von den Kuratoren der Peiner Nowak-Ausstellung 2022/23 auch bereits thematisiert) und somit dürfte dieser als Bielefelder „Hungerleider-Künstler“ in einem kleinen Dach-Mietzimmer zu Zeiten des real gerade 15-jährigen Hans Nowak kaum in Frage kommen... In den Bielefelder Adressbüchern ist ein "Franz GERWIN" jedenfalls in den gesamten 30-er-Jahren nicht aufgeführt, wohl aber zweimal der 1937 im gleichen Haus wie Nowak und Moreiko gemeldete "Franz GERWING". Sogar die von Nowak geschilderte Abfahrt des Künstler-Nachbarn ins Sauerland (nach Kündigung der Dachkammern) lässt sich aus den Meldedaten für Franz GERWING Mitte September 1937 nachvollziehen! Dessen Abmeldung ging nämlich nach Sundern/Sauerland.
Auch schildert die Autobiographie das Zusammentreffen des „16-jährigen“ Hans Nowak mit Moreiko und Franz G. als durch den eigenen Lebensweg bedingtes Kennenlernen - was bei den dokumentierten Meldedaten aus Bielefeld (Familie Nowak in Bielefeld von 12/1936 bis 10/1937 - und sogar ab 4/1937 im gleichen Hause wie Moreiko und Gerwing wohnend) eigentlich durch die elterliche Wohnsituation des noch nicht ganz 15-Jährigen entstanden sein müsste.
1. - Die Todeszelle als Folterinstrument
Sind nun andere Schilderungen ebenso (ver)unsicher(nd)?
Eine tiefgründige Diskrepanz ergibt sich zwischen den Schilderungen der 1995 gedruckten Autobiographie zum Kriegsgerichtsprozess in Warschau und den Angaben des Text-Autors Dieckhoff in dem kurz zuvor (als Geburtstagsgeschenk an den Künstler) im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem Fotografen W. Glandt erschienenen Bildband ‚Vom Maler Hans Nowak ein Bild sich zu machen‘. Dieckhoff hat sich diesbezüglich aber auf die mündlichen Angaben Nowaks verlassen und diese nicht überprüft (persönliche Mitteilung per email)..
Die Dieckhoff-Angaben in diesem Bildband sprechen (auf den Seiten 23/24) von einem Todesurteil im Kriegsgerichtsprozess und dass dieses später „auf ... Festungshaft reduziert“ wurde - sie finden sich wieder in vielen biografischen Schilderungen über Hans Nowak im Rahmen von Angeboten seiner Werke bis hin zu musealer Darstellung und auch in Wikipedia sowie auf Web-Seiten.
Nun hatte Hans Nowak bei der Erstellung des autobiographischen Textes dies ganz anders geschildert als Dieckhoff im nur kurze Zeit vorher entstandenen spiralgehefteten Bildband – aber warum?
In der Autobiographie ab Seite 59 liest sich dies nämlich folgendermassen: Hier dominiert der Ankläger, Kriegsgerichtsrat "Lüdecke", als teuflisch tobender Wüterich gegenüber mitfühlenden Wärtern und Mithäftlingen. Der Richter habe am ersten Verhandlungstag noch kein Urteil gefällt, um sich durch weitere Recherchen ein genaueres Bild machen zu können - was den Ankläger nicht davon abgehalten habe, Nowak in eine der beiden „Todeszellen“ zu verlegen - unter der Willensbekundung, den Häftling einer Exekution zuzuführen („Ich bringe Sie an den Pfahl“ - Seite 60).
Bis etwa 2 Wochen nach dem zweiten Verhandlungstermin - so lange, bis das dabei ergangene Urteil bestätigt wurde - musste Nowak danach noch in elend langsam verstreichenden insgesamt 6 Wochen Todeszelle die Erfüllung dieser Lüdecke'schen Willensbekundung befürchten.
Der Richter habe jedoch in seinem Urteil - so in der Autobiographie Seite 61 - an dem einige Zeit später (von 4 Wochen ist die Rede) stattgefundenen zweiten Verhandlungstag als Strafe primär Festungshaft verhängt, da er keine Fahnenflucht feststellen konnte. Die Festungshaft wurde ab Ende 1942 oder Anfang 1943 in Glatz durchgeführt (Belege aus Glatzer Krankenakten liegen nach Recherchen Herrn Seefeldt’s vor) und kurz vor seiner Kriegstrauung (Posen, 8/1944) durch freiwillige Meldung Nowaks zu einem Bewährungsbataillon beendet.
Man kann sich eine solche Situation als ein von Kriegen verschonter Weltbürger gar nicht vorstellen – mir erscheint es aber sehr nachvollziehbar, dass sich infolge des Antrages auf Todesstrafe – sehr wahrscheinlich heftig schreiend vorgetragen und dann noch ohne Urteilsverkündung durch Verlegung in die Todeszelle unterstrichen - der Stempel des beantragten „Todesurteils“ in Nowaks Seele tief eingebrannt hat und insofern auch in seinen mündlichen Schilderungen die Spur eines solchen Stempels immer wieder vorkam.
Wer aber seine Gedanken und Erinnerungen – diese durchforstend – selbst in Schriftform umwandelt, verarbeitet und klärt zumeist die zugrundeliegenden Erinnerungs-Fetzen und schält ggfs. den wahren Kern aus legendenhaften Erinnerungen heraus. Dies scheint mir in der nur ein Jahr vor Nowaks Tod quasi wie eine umfassende Lebens-Rückschau erscheinenden Autobiographie für das Thema Kriegsgerichtsprozess erfolgt zu sein – offensichtlich war aber die Klärung betr. seine Jugendzeit in Bielefeld weniger erfolgreich… (war sie wohl weniger stark in die Erinnerung eingebrannt? Oder tat die Legende dem Ego des Künstlers wohl?)
Kurz nach Überstellung vom Festungshaft-Ort zu der Sammelkaserne seines Bewährungsbataillons ist übrigens die Kriegstrauung mit Johanna Bremer 11.8.1944 in Posen belegt, für die Nowak noch ein paar Urlaubstage (als Heimaturlaub...) erhoffte, aber nicht bekam.
Die Braut musste zum Soldaten kommen statt umgekehrt – damit die „Bewährung“ ohne Verzögerung beginnen konnte...
2. - Bewährung?
Ein „Bewährungsbataillon“ solcher Art hatte und hat allerdings - damals wie heute - durchaus die Qualität eines quasi-Todesurteiles! Wiederum nicht als Todesurteil ausgesprochen – die Möglichkeit eines nahen Todes war aber äusserst real. Die rasche Dezimierung seiner Kameraden schildert Nowak in seiner Autobiografie Seite 89-91. Das wäre (oder war?) dann quasi das zweite ‚zu erwartende‘, aber nicht real verhängte Todesurteil für Hans Nowak.
Die während dieses Einsatzes im Bewährungsbataillon im Rahmen einer ‚inszenierten Feindeinwirkung‘ (nach überstandenen realen Feindeinwirkungen und offensichtlich beim bereits nahendem Gegner: beim Abtransport des Verwundeten Nowak seien Russen an "seinem Loch" zu sehen gewesen, dieses in Brand steckend..., siehe Autobiographie Seiten 93/94) am 14.12.1944 erlittene Hand-/Arm-Verletzung führte zu mehreren Lazarett-Aufenthalten (auch hiervon liegen Kranken-Karteikarten als Belege vor) mit anschliessender Anerkennung seiner Kriegsdienstbeschädigung. Nur aufgrund seiner Knochenverletzung kam er nach der Schilderung in der Autobiographie aus Kurland noch nach Deutschland heraus bzw. zurück!
Er hatte durch diese (durchaus auch lebensgefährliche) "Inszenierung" die vielschichtige Todesgefahr durch den Zwang zum Kampf an vorderster Front abgewendet bzw. beendet.
Der Einsatz im Bewährungsbataillon wie auch Verwundung und Lazarettaufenthalte wären übrigens bei einer Inhaftierung in Eisenach (Wartburg) ...bis zur „Befreiung durch die Alliierten“ (so mitgeteilt von Dr. von Wiese zur Peiner Nowak-Ausstellung 11/2022-3/2023) nicht möglich gewesen. Auch hätte dann die Kriegstrauung im Rahmen eines Hafturlaubes stattfinden müssen – dann hätte es aber keinen plausiblen Grund für Posen als Ort der Kriegstrauung gegeben.
Hafturlaub gab es nach den Angaben der Autobiographie während der Glatzer Haftzeit ungewöhnlicherweise nur für zwei Insassen der privilegiert behandelten Künstlergruppe, um durch Hans Nowak eine für eines Offizieres Verlangen nach einem monströsen Gemälde benötigte Leinwand bzw. in einem weiteren Fall (betr. Nowaks Zellengenosse) Alkoholika zu organisieren (Seiten 71-78). Das ist schon ungewöhnlich und man kann es so deuten, dass persönlich-egoistische Gesichtspunkte der Herrschenden mehr ungewöhnliche Entscheidungen erzeugten als menschlich-soziale Gründe.
Dass ein "Hans Nowak" in Eisenach "bis zur Befreiiung durch die Alliierten" eingesessen haben könnte, ist insofern denkbar, da 12/1944 ein "Hans Nowak" (ohne Angabe eines Geburtsdatum) per Haftbefehl gesucht wurde - das kann aber nicht der inzwischen verwundete und zum Lazarett reisende Künstler Hans Nowak gewesen sein, da man nach diesem nicht hätte zu fahnden brauchen. Ausserdem gehörte dieser "weitere" Hans Nowak einer völlig anderen Einheit an, als dies für unseren Künstler dokumentiert ist (Stabs-Einheit statt für den Künstler Hans Nowak als Flak-Soldat oder dann im Bewährungsbataillon "Zur Besonderen Verwendung"...).
3. - Das Herz
Bereits Ende der 70er-/Beginn der 80er-Jahre hörte ich bei Gehlig‘schen regelmässigen Besuchen des Malerhofes von Nowaks bereits drei überstandenen Herzinfarkten - wobei sich hier meine eigene Erinnerung (von Hans Nowak direkt?) von der meiner Schwester (von Brigitte Upmann?) unterscheidet. Den lebensfrohen und weiterhin Pfeife-rauchenden Nowak hatte dieser weitere Hinweis auf die Endlichkeit unseres Lebens nicht aus der Bahn geworfen. Oder er lebte trotzdem! Drei Herzinfarkte bei Lebensmutigkeit zu überleben ist auch etwas wie ein Quasi-Tod.
Hans Nowak hatte als rechter „Stier-Geborener" seine Entscheidungen sowieso öfter gegen jedwede Vernunft gefällt - hier fallen mir die sehr frei geführten Eisenbahn-Reisen zwecks Suche seiner Einsatztruppe vor seiner Verhaftung ein, die Abgabe seiner Wehrmachtspistole an eine Warschauer Ghetto-bewohner, auch der Sprung aus dem fahrenden Zug vor der zu erwartenden zweiten Verhaftung bei Kriegsende (Autobiographie Seite 103) - aber auch davor die Reise nach Wien (als kurz zuvor desertierter Soldat!), um den immer noch der Wehrmacht dienenden Bruder Harry vor Kriegsende nach Deutschland holen zu wollen (Seiten 100/101). Auch eine sehr spontane Verlobung mit der Zufalls-Bekanntschaft Lucia innerhalb eines Tages in Königsberg (Seite 38/39), obwohl er Johanna Bremer aus Bahrenfeld – seine spätere erste Ehefrau - bereits einige Zeit (d.h. zwei verlängerte Wochenenden...) kannte. Die Heirat mit Johanna Bremer folgte dann anderthalb Jahre später ohne vorherige Verlobung zwischen Glatzer Haft und Bewährungs-Einsatz an der Front (Seiten 83-85): der Krieg liess „normale“ Romantik und Beständigkeit einer Beziehung einfach nicht zu - selbst nicht, wenn man heiratete…?
3 x quasi und 1 x real
Das erste „quasi-Todesurteil“ war zwar - schenkt man der hier ausgesprochen detaillierten Schilderung Nowaks aus der Autobiographie Glauben - nicht ausgesprochen: aber durch die Befehlsgewalt des Anklägers wurden schon mal alle Weichen gestellt, um die Todeszelle quasi als Vehikel in den Tod zu benutzen, um unaufhaltsam wie auf einem abschüssigen Gleis dieses ungeurteilte Ziel des Anklägers zu erreichen.
Es wurde schon eingeleitet, obwohl es nicht bestand.
Das ist psychische Folter höchsten Grades! Solche wurde und wird im Rahmen staatlicher Repressalien in den unterschiedlichsten politischen Zusammenhängen und in terroristischen Handlungen leider offensichtlich immer wieder und immer noch praktiziert.
Da könnte man sich schämen, Mensch zu sein - Hans Nowak hat in seiner impulsiven Lebensweise aber gezeigt, dass mutig offensives Handeln selbst in ausweglos erscheinenden Situationen den Lebensmut und die Freude am Leben stärken kann – und vielleicht sogar das Überleben sichern, weil jemand sich etwas traute, das seine "Gegenüber" nie und nimmer erwarteten...
Das zweite „quasi-Todesurteil“ hatte Nowak durch Glück und eine durchaus gefährliche Inszenierung abwehren können, das dritte lebte immanent in ihm und wurde durch die Errungenschaften der Medizin eine gute Zeit lang überwunden.
Der reale Tod trat dann gnädigerweise im Schlafe ein - nachdem er mit engen Freunden noch am Tag zuvor einen ausgiebigen Ausflug in die Heide unternommen hatte (persönliche Mitteilung H.-J. Scheffler). Doch bereits lange zuvor wusste Hans Nowak um die (weitere) Krankheit, die ihm jederzeit das Leben beenden konnte - und liess sich trotzdem nicht von seinen vielfältigen Planungen zu neuen Kunstwerken abbringen.
Er lebte sein Leben bis zum letzten Tag voll aus… Danke dafür!
Die Bilder auf Jute (bearbeitet zuletzt 24.3.2026)
(von H.Gehlig)
Während meines Studiums in den 70-er-Jahren hatte ich bei einer uns seit frühester Kindheit gekannten und geschätzten Freundin meiner Mutter ("Tante Heide" genannt, da sie sowohl ein Heide-Fan war als auch "Adelheid" hiess) ein Nowak-Heide-Bild auf Jute gemalt gesehen. Es war ein Querformat, mit der typischen violetten Heide-Farbe für weite Bereiche der Bodenbedeckung. Die "Findling-artige" Form des Malerei-Bereiches mit dem drum herum sichtbaren Jute-Stoff imponierte uns sehr wegen der Schönheit dieses Eindruckes !
Tante Heide kannte das Gehlig'sche erste Nowak-Bild seit Mitte der 60er-Jahre, und sie schilderte gerne, dass sie eines Tages über eine Galerie Hans Nowak ansprechen liess, warum er fast immer nur Moor-Bilder male und nicht auch mal Heide? Angeblich habe er daraufhin einige Heide-Bilder gemalt - eines davon sei das bei dieser "Tante Heide" hängende. Uns erinnerte die rundlich-ovale Begrenzung des Motivbereiches des Bildes an einen Findling, so wie er in der Heide vorkommt - das fanden wir überaus passend (auch in der Kombination mit dem Jute-Untergrund). Ausserdem war das Bild wunderschön und ein typischer Nowak...
Tante Heide war Rektorin in Hannover - also durfte man sich auf ihre Berichte und Erzählungen eigentlich immer durchaus verlassen... (allerdings gibt es keinerlei Hinweise aus Nowaks Autobiographie oder der familiären Erinnerung zu dieser Episode). Nach ihrem Tod ist das Bild aber in der Familie verschwunden und es gibt keinen Kontakt zu den seitherigen Besitzern.
In seiner Autobiographie - die Herrichtung und Ausstattung seines ersten "Malerhofes" in Mödesse (Frühjahr bis Frühsommer 1961) schildernd - hat uns Hans Nowak auf Seite 207 die Arbeitsweise beim Malen seiner Bilder auf Jute-Untergrund beschrieben, wie er sie bereits für die Austellung in der Böttcherstrasse in Bremen im selben Jahr gemalt habe: gespachtelte Kreide-Leim-Schicht in asymmetrischer Form - dann die Farbe pastös aufgetragen und mit einem Spachtel wieder heruntergenommen, so dass quasi "zufällige" Farbeffekte entstehen, die "bewusst" nicht so gemalt werden können. Diese Technik war also schon deutlich vor dem Erwerb des ersten Gehlig'schen Nowak-Moorbildes (1964/65) und insofern auch lange vor dem von der "Tante Heide" geschilderten "Animieren" Nowaks zu Heide-Bildern in Gebrauch (sofern wirklich geschehen, vermute ich für Tante Heides Aktion eine Zeit um das Ende der 60er-Jahre). Bei der Eröffnungsausstellung des ersten "Malerhof-Ateliers" seien insofern auf Jute gemalte Bilder auch mit dabei gewesen...
Aus der Schilderung in der Autobiographie kann man entnehmen, dass die rundliche Begrenzung der Motivfläche nun durchaus nichts mit "Findling"-Assoziationen zu tun hatte - insofern wundert es nicht, dass dies auch bei auf Jute gemalten Bildern vorkommt, die nichts mit Heide oder Gebirge zu tun haben. Aber das wussten wir damals noch nicht...
Die wenigen heute bekannten Bilder auf Jute-Untergrund sind von den Motiven sehr unterschiedlich - Bekannt sind Portraits (eines m / zwei w) als auch ein Blumen-Stillleben. Bei einem Frauen-Portrait wurde der Jute-Überstand verkleinert und mit nur geringer Jute-Umrandung der Bildfläche auf einen kleineren Keilrahmen gespannt, so dass die Jute nur schmal an wenigen Stellen sichtbar bleibt. Ein weiteres Frauen-Portrait ist zwar auf Jute-Untergrund gemalt, aber die Motiv-Fläche geht an allen vier Seiten bis zum Rand des Keilrahmens - dafür erscheint die Methode der Befestigung der Jute auf dem Keilrahmen (mit Flachkopf-Stahl-Stiften) "typisch Hans Nowak" zu sein: in der gleichen Art ausgeführt wie beim Blumen-Stillleben. Zwei Bilder in Vechelde (Portrait m) und Braunschweig (Blumen-Stillleben) sind in ihrem originalen Zustand erhalten, wie ihn Hans Nowak in seiner Autobiographie beschreibt... Letzteres zeige ich hier (wie auch das "vollflächig auf Jute" gemalte Frauenkopf-Bild).
Das Männer-Portrait „auf Jute“ aus Vechelde ist im Abschnitt "Biografie" des Seefeldtschen Buches und auf der Homepage der Familie Weich (Vechelde) abgebildet.
Es gibt noch eine Abbildung in einem Zeitungsbericht, wo ein weiteres Jute-Bild in einem s/w-Foto gezeigt wird. Es wird "Mödesser Dorfstraße" betitelt. Herr Seefeldt konnte mir diesen Zeitungsausschnitt als Datei zeigen (danke!).
Irgendwie meine ich sogar, noch eine weitere Abbildung eines Jutebildes mal gesehen zu haben oder mich daran zu erinnern - aber da könnte ich mich auch irren...
Dass Hans Nowak diesen Jute-Bildern eine recht detaillierte Schilderung der Arbeitsweise in seiner Autobiographie zugedacht hat, lässt vermuten, dass es von diesen Bildern noch einige Weitere geben muss. Allerdings ist aufgrund der „Schlabberigkeit“ des Jute-Untergrundes die Stabilität des Farbauftrages gefährdet, so dass am Rand oder auch innerhalb des gemalten Bereiches gerne mal Farbe abbröckelt. Insofern könnten auch solche Werke mal als „beschädigt“ vernichtet worden sein…
Inzwischen ist ein Bild aufgetaucht, das auf einer Leinwand mit Jute-artiger Stuktur gemalt ist, aber (sichtbar am Rand des Keilrahmens) eine helle - fast hellgraue - Farbe aufweist. Hierbei ist die juteartige Leinwand recht straff auf dem Rahmen (Keilrahmenteile ohne Keile) montiert. Das Motiv ist dabei vollflächig und äußerst pastös aufgetragen - kein Jute-Rand für den Betrachter erkennbar... Als Erwerbs-Zeit wurde "um 1970" mitgeteilt (Nowaks Schilderung seiner Maltechnik auf Jute berichtet von der Zeit Frühjahr 1961 mit Hinweis auf die kurz zuvor bereits für die Böttcherstraße-Ausstellung derart gefertigten Bilder, das späteste mir bekannte auf brauner Jute gemalte Bild wurde 1964 verkauft. Da gibt es durchaus Bedarf an Klärungen für den Biographen...)
Die Bilder auf Blattgold (bearbeitet zuletzt 28.7.2025)
(von H.Gehlig)
Nowaks Bilder auf Blattgold-Untergrund sind in Zeitungsartikeln früher (ca.1988) zwar beschrieben - auch auf die von Nowak offensichtlich erfolgte oder geplante "Patentanmeldung" wurde dort bereits hingewiesen. Aber in diesen alten Zeitungs-Berichten fand ich keine (annähernde oder detaillierte) Angabe der Arbeitsweise des Künstlers für diese Bilder auf Blattgold. Auch ist beim deutschen Patentregister kein Vorgang bekannt, dass Nowak diesbezüglich dort kontaktiert wurde. Dies wäre auf jeden Fall archiviert, wenn ein Patent erteilt worden wäre (und die patentierte Methode hätte dann darin beschrieben werden müssen). Somit gibt es keine schriftliche Darstellung der Arbeitsweise Nowaks, seine Bilder auf Blattgold-Untergrund betreffend. Sollte Nowak diesbezügliche Unterlagen in seinem Atelier aufbewahrt haben, könnten sie auch bei dem Atelierbrand verloren gegangen sein (der ja 2 Jahre nach 1988 geschah - dem Jahr mit den meisten "Blattgold-Bildern"). Auch in der Autobiographie fand ich nur eine Schilderung der Arbeitsweise für die Bilder auf Jute, nicht aber für die auf Blattgold.
{??? Autobiographie nochmals nach Hinweisen durchsehen !!!}
Bei Seefeldt sind 2025 erstmals 4 dieser Werke farbig abgebildet (datiert ab 1984 bis in die 90er-Jahre!) - ein weiteres aus der Sammlung Weich ist auf dessen Homepage abgebildet. Die fotografische Darstellung ist allerdings schwierig, da die Leuchtkraft kaum in einem zweidimensionalen Foto darstellbar ist - sie scheint vollständig nur im Rahmen wechselnder räumlicher Blickrichtungen und Lichteinfallswinkel erlebbar zu werden.
Ich kann dies anhand eines "Clown" erleben (ich nenne ihn "Gold-Clown") und Besuchern auch zeigen - wozu eine wechselnd von seitlich strahlende Lichtquelle sehr hilfreich ist. Aber auch ohne diese "Licht-Unterstützung" sind die Blattgold-Rechtecke durch die transparenten Farb-Lasuren und die ungewöhnliche Leuchtkraft bei diesem Gold-Clown deutlich erkennbar - auch dies ist jedoch fotografisch recht schwer darstellbar. Eine aus meiner Sicht relativ gut gelungene Darstellung der Blattgoldstrukturen habe ich in groß oben vor diesen Essay eingestellt (und werde aber gelegentlich weitere Versuche machen...).
Für die (nähere) Zukunft plane ich eine video-basierte Darstellung dieser Leuchtkraft und durchscheinenden Goldstrukturen für meine Homepage.
Beschreibung der Arbeitsweise:
Den Untergrund seiner Blattgold-Bilder hat Nowak in der gesamten bemalten Fläche mit Blattgold belegt. Im Gegensatz zu anderen künstlerischen Blattgold-Untergründen, die meist nur die Bereiche "belegen", in denen das Blattgold später offen zutage tritt, hatte Nowak dadurch eine freie Motivgestaltung und benutzt die Leuchtkraft des Goldes als eine die transparenten Farbschichten überhöhende Lichtverstärkung, nicht jedoch als goldene Farbe an sich. Die Blattgold-Quadrate sind dabei wegen der Transparenz der Farbschichten durchaus noch erkennbar, was im obigen Foto gut zu erkennen ist. Anhand der Fotos im Seefeldt'schen Nowak-Buch vermute ich, daß für die Farbschichten bei mit kräftigen Konturen aufgebrachten Motiven eine Beeinträchtigung dieser Transparenz nicht zu vermeiden ist. Das bleibt aber solange eine Vermutung, bis ich die gezeigten Blattgold-Bilder selbst sehen konnte. Eines aus der Nachbarschaft bei Brigitte Upmann konnte ich bereits sehen (dies ist nicht bei Seefeldt gezeigt...) - dort ist die Leuchtkraft und Transparenz ähnlich eindrücklich wie beim Gold-Clown!
Transparente Lasuren hatte Nowak im Rahmen seiner Herstellungsversuche altmeisterlicher Farbrezepturen entwickelt, da diese in der Lasurtechnik der Alten Meister vorkamen und für deren Nachempfindung benötigt wurden. Spätestens Mitte bis Ende der 80er-Jahre hatte er dies derart zur Perfektion gebracht, daß er verloren gegangene Bildwerke (überwiegend Kriegsverluste) in ihrer ursprünglichen Farbigkeit und Technik "neuschöpfen" konnte. Jürgen Dieckhoff schrieb darüber 1992: "So glich sein Voigtholzer Atelier im Herbst 1987 einem Museum von internationalem Rang."
Es ist ein naheliegender Gedanke für Hans Nowak, diese Transparenz seiner Lasuren für leuchtkräftige Untergründe wie Blattgold zu verwenden, welches die Farbigkeit ähnlich (aber anders) überhöht als ein mineralisch weisser Malgrund.
Fälscher oder nicht, das ist hier die Frage
von H.Gehlig (17.08.2025)
Anlässlich der Ausstellung in Halle/Saale wird Hans Nowak in einigen der darüber berichtenden Veröffentlichungen als "Fälscher" bezeichnet. Dabei hat (zumindest habe ich dies so gehört...) der Kurator Prof. Lindner auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Hans Nowaks "Husarenstreich" und der Aktivität eines Kunstfälschers hingewiesen.
Bilder im Stil anderer hochkarätiger Künstler zu malen, diese als fremde Werke anzugeben und deswegen damit viel Geld zu verdienen, wäre die Intention eines "Fälschers". Diese Intention hat Hans Nowak nie gehabt!
Ausser bei seinem "Husarenstreich": der gewollten Offenbarung der etablierten damaligen Kunstwissenschaft als "Nicht-Kenner der historischen Farb-Rezepturen" hat Hans Nowak alle seine "nachgeschöpften Werke" mit dem eigenen Namen signiert - entweder auf der Rückseite in Klarschrift - oft aber auch mit Bleiweiss unter den bildlichen Farbschichten. Somit sollte bei einer kunstwissenschaftlichen Untersuchung der entsprechenden Bildwerke im Röntgenbild die Urheberschaft Hans Nowaks klar offenbar werden.
Die Phasen der Neuschöpfung der "Staalmeesters" habe ich bei Besuchen in
Nowaks Atelier z.T. mitbekommen und sogar von Hans Nowak beschrieben bekommen - wobei er großen Wert auf die Übereinanderschichtung vieler transparenter Lasuren in schichtmässigem Aufbau legte.
"1987 glich sein Atelier einem Museum von internationalem Rang" schrieb Jürgen Dieckhoff über diese Phase des künstlerischen Schaffens für das Buch über Hans Nowak zu dessen 70ten Geburtstag.
Als die "Nachtwache" im Amsterdamer "Rijksmuseum" schwer beschädigt wurde, hörte man von der Kunstwissenschaft, daß man dies nicht derart wiederherstellen könne, daß es nicht mehr sichtbar sei, da man die altmeisterlichen Farbrezepturen nicht kenne. Nowak informierte mit leisem Protest, daß er durchaus die Rezepturen aus der Zeit Rembrandts erforscht habe und herstellen könne - was die Verantwortlichen jedoch entweder nicht glaubten oder nicht glauben wollten.
Nun waren die Farb-Herstellungsversuche Hans Nowaks sehr pragmatisch und unter Anwendung von Hinweisen aus alten Schriften "ausprobiert" betr. Stabilität und Gleichmäßigkeit der Mischung sowie Alterungsbeständigkeit / Trocknungseigenschaften. Eine labormäßige Analytik der in den alten Farben vorhandenen Elemente scheint Hans Nowak noch nicht zur Verfügung gestanden zu haben. Dadurch konnten die Museums-Wissenschaftler leichter behaupten, daß Hans Nowaks Forschungsergebnisse für die Restaurierung oder Wiederherstellung alter Gemälde nicht geeignet wären.
Was lag dann also näher, als den Beweis anzutreten, daß er mit seinen historischen Farbrezepturen besser war, als die Kunstwissenschaft ihm zuzutrauen bereit war?
Das realisierte Hans Nowak einerseits mit seinem Husarenstreich der 1968er-Kunstaktion, andererseits mit den "nachgeschöpften" Bildern, mit denen er zerstörte Gemälde (überwiegend Kriegsverluste) in den 80er-Jahren Wieder-Erstehen ließ - oft aufgrund lediglich vorhandener schwarz-weisser Reproduktionen.
Kurzzeitig soll Hans Nowak sogar einen Lehrauftrag an der HBK Braunschweig zum Thema der "alten Farb-Rezepturen" bekommen haben - leider sind in der HBK darüber keine Dokumente mehr vorhanden - auch nicht im Landesarchiv...
Das ist eigentlich (und sogar "mehr" als...) die Tätigkeit eines "Kopisten", der neben der Vorlage sitzend eine möglichst genaue Kopie dieser anfertigt, um damit das Original-Werk zu "schonen", indem es nicht der angriffigen Welt ausgesetzt bleibt - aber nicht die Intention eines "Fälschers", der die Interessenten an dem erzeugten Bild über dessen Herkunft täuschend zur Zahlung eines besonders hohen Gegenwertes zu seinen eigenen Gunsten verleiten versucht.
(Ein schönes filmisches Beispiel solcher "schützender" Intention eines Kopisten ist der Krimi "Der Tod kommt nach Venedig". Viel Spaß beim Suchen nach diesem Film...).
Das einzige Mal, daß Hans Nowak ein Bild im Stile eines berühmten Malers hergestellt hat, ohne seinen eigenen Namen darauf oder darunter/dahinter zu dokumentieren, wollte er gerade zeigen, daß die "Kunstwissenschaft" sich mit Nowaks Forschungsergebnissen in Punkto Farbrezepturen der alten Meister nicht so gut auskannte wie Hans Nowak selbst. Die Intention war also nicht, die Mehrung des eigenen Profits - er wollte beweisen, daß er die Farbrezepturen der Meister beherrschte.
Dazu passt auch, daß Nowak dieses im Stile von Claude Monet gemalte und auch mit "Claude Monet 77" signierte Bild zwar auf einer alten Leinwand aus der passenden Zeit gemalt hat, nach der Fertigstellung und Durchtrocknung aber das früher auf dieser Leinwand vorhandene Bild eines Liebespärchens am Strand wieder "drübergemalt" hat - wenn auch mit einigen künstlich erzeugten Farbverlust-Bereichen, die etwas von dem sonst nicht offensichtlichen "Untergrund-Monet" erahnen ließen.
Der Freund Kiesel, der dieses derart "beschädigte" (ihm aber angeblich so sehr am Herzen liegende) Liebespärchen-Bild repariert habe wollte, hatte natürlich zusammen mit Hans Nowak - den Streich ausheckend - mit derEntdeckungs-Wut des Restaurators gerechnet. Die trat dann ja auch wie erwartet ein...
Jetzt könnte man philosophisch fragen, ob diese Aktion nicht auch einen geldwerten Vorteil für Hans Nowak erzeugen sollte (und damit dem Bereich der Fälschung zugeordnet werden kann) - jedoch war die ganze Intention des "Husarenstückes" der Beweis vor der offiziellen "ungläubigen" kunstwissenschaftlichen Welt, daß Hans Nowak die Farben der alten Meister so gut herstellen konnte, daß die offizielle Kunstwelt nicht bemerken würde, daß diese NICHT aus der historischen Zeit stammen...
Das ist nun Hans Nowak besser gelungen, als man bei der Planung des Husarenstreiches hoffen konnte - er musste ja regelrecht darum kämpfen, als Urheber des besagten "Gare de Saint Lazare"-Bildes anerkannt zu werden. Dass er dies unbedingt klarstellen wollte, beweist aber, daß die Intention des Bildes eben NICHT die Herstellung (und teure Vermarktung) einer "Fälschung" war.
Deswegen tut es mir regelrecht in der Seele weh, wenn ich im Nachklang der Ausstellungseröffnung Berichte lese, die "vom Fälscher" sprechen - abgesehen davon, daß öfter behauptet wird, daß die Zeitschrift "Stern" den Auftrag zu dieser Aktion gegeben habe - die Idee schildert Hans Nowak aber in seiner Autobiographie als zwischen alten Kumpels quasi spontan entstanden und geplant - der "Stern" war nur Begleiter der Aufdeckung und für diese helfend notwendig. Deswegen wurde die Aktion dem Stern vorab angekündigt - die Bestätigung dieser Ankündigung an den "Stern" (die bereits deutlich VOR dem Bericht des "Spiegel" über die Entdeckung erfolgt war) ist bereits im Glandt/Dieckhoff-Ringbuch (dort auf Seite 48) abgebildet.
LESERBRIEF an die Braunschweiger Zeitung:
Sehr geehrter Herr Meyer, sehr geehrte Damen und Herren,
Mit Freude hörte und las ich, daß Sie auf die Hans-Nowak-Ausstellung in Halle/Saale am 16.8.2025 in einer sehr schönen Art und Weise hingewiesen haben.
Lediglich einen Aspekt halte ich aus meiner Beschäftigung mit der Biographie Hans Nowaks für korrekturbedürftig:
Der Punkt, den ich so nicht stehen lassen möchte, ist die Aussage, daß Hans Nowak im zweiten Weltkrieg "wegen Fahnenflucht" verurteilt worden sei. Hier muss ich auf die Schilderung in der Autobiographie Nowaks zurückgreifen, da dies die einzige authentische schriftliche Schilderung des wirklichen Sachverhaltes ist:
Es war der heftige Wunsch des Anklägers, Hans Nowak wegen Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung "an den Pfahl" zu bringen - glücklicherweise entschied sich der Richter im Kriegsgerichtsprozess, sich ein eigenes Bild von den Begebenheiten machen zu wollen - und konnte dabei keinen Hinweis auf Fahnenflucht erkennen, so daß die Verurteilung wegen "unerlaubter Entfernung von der Truppe" erfolgte. Das rettete Hans Nowak sehr wahrscheinlich das Leben, der Ankläger hatte ihn schon siegessicher in die Todeszelle einquartieren lassen, worin Hans Nowak 6 Wochen bis zur Bestätigung des milderen Urteiles zu Festungshaft ausharren musste - quasi eine psychologische Folter höchsten Grades!
Daß dies in Nowaks mündlichen Schilderungen rückblickend z.T. quasi als "Todesurteil" anklang, ist m.E. eine Folge dieser psychologischen Folter, die ihn 6 Wochen lang die Möglichkeit/Wahrscheinlichkeit des baldigen eigenen Todes befürchten ließ.
Wäre Hans Nowak wegen Fahnenflucht verurteilt worden, dürfte die Intention des Anklägers, Hans Nowak zu Tode bringen zu wollen, wesentlich wahrscheinlicher geworden sein.
Fahnenflucht beging Hans Nowak erst nach seiner Genesung von der Verwundung aus dem Bewährungsbataillon-Einsatz, als er in Hannover 3/1945 den Zug, der ihn zum Kämpfen an die Westfront karren sollte und der dann bald nach dem hannoverschen Aufenthalt bombardiert wurde, eigenmächtig verließ, um nach Braunschweig zur Familie zu fahren. Einer Verhaftung und Verurteilung deswegen konnte sich Hans Nowak aber in diesen letzten Kriegsmonaten entziehen.
Hanfried Gehlig, Braunschweig, 22.08.2025